Ergebnisse der Literaturrecherche

In einer systematischen Literaturrecherche wurden Fähigkeiten und Fertigkeiten identifiziert, die international für Krankenhausfachpersonal allgemein oder speziell Pflegepersonal in Krisen-/ Katastrophenfällen von Bedeutung sind. Die Fähigkeiten und Fertigkeiten wurden in 9 Domänen kategorisiert und ins Deutsche übersetzt.

1. Eigene Rolle

Kernkompetenz: Jede(r) Gesundheitsprofessionelle zeigt Kenntnisse über die eigene Rolle innerhalb der Reaktions- bzw. Alarmpläne, im Rahmen einer Katastrophe[1] oder einer Krisensituation, die die Gesundheit und Versorgung der Bevölkerung gefährdet. 

Krankenhausfachpersonal (z.B. Ärzte und Pflegepersonal) … (TIIDE 2011)

… erklärt die eigene Rolle/Funktion innerhalb der Hierarchie und Befehlskette.

… erklärt die Verfahren der Berichterstattung zu vorliegenden und potentiellen Gesundheitsbedrohungen innerhalb der Befehlskette.

Pflegepersonal beschreibt die eigenen Rollen in Hinblick auf Kommunikation zwischen den Beteiligten im Rahmen der Krisenreaktion… (Gebbie 2002)

… im Krankenhaus.

… bei der Kommunikation mit Menschen außerhalb des Krankenhaussystems.

… bei der Kommunikation mit der Presse.

… im Rahmen eigener/ persönlicher Kontakte.

2. Situationsbewusstsein

Kernkompetenz: Jede(r) Gesundheitsprofessionelle ist sich innerhalb einer Katastrophe oder einer Krisensituation, die die Gesundheit und Versorgung der Bevölkerung gefährdet, potentieller und vorhandener gesundheitlicher Bedrohungen ständig bewusst.

Krankenhausfachpersonal (z.B. Ärzte und Pflegepersonal) … (TIIDE 2011)

… erkennt die generellen Anzeichen und epidemiologischen Hinweise (z.B. Häufung von Krankheitsfällen), die auf den Beginn, bzw. die Verschärfung einer Krisensituation hinweisen.

Pflegepersonal… (ICN 2009)

… führt eine zügige Erhebung/ Bestandsaufnahme der Situation und des Versorgungsbedarfs durch.

… beurteilt die Auswirkungen pflegerischer Maßnahmen und korrigiert ggf. Versorgungsentscheidungen.

3. Kommunikation

Kernkompetenz: Jede(r) Gesundheitsprofessionelle kommuniziert effektiv mit anderen, innerhalb einer Katastrophe oder einer Krisensituation, die die Gesundheit und Versorgung der Bevölkerung gefährdet.

Krankenhausfachpersonal (z.B. Ärzte und Pflegepersonal) … (TIIDE 2011)

… identifiziert maßgebende/ zuverlässige Informationsquellen in einer Krisensituation.

… erklärt die Prinzipien der Risikokommunikation innerhalb einer Krise, die die Bedürfnisse der Menschen aller Alters- und Bevölkerungsgruppen berücksichtigen.

… findet Strategien eines angemessenen bzw. kontrollierten Informationsaustauschs innerhalb einer Katastrophe oder einer Krisensituation, die die Gesundheit und Versorgung der Bevölkerung gefährdet. (Für welche Empfänger sind welche Informationen geeignet?)

… identifiziert kulturelle Aspekte und Herausforderungen hinsichtlich der Entwicklung und Verbreitung von Risikoinformationen innerhalb einer Katastrophe oder einer Krisensituation, die die Gesundheit und Versorgung der Bevölkerung gefährdet.

Pflegepersonal …

… initiiert und entwickelt pflegerisch-therapeutische Beziehungen mit Patienten und Angehörigen durch angemessene Kommunikation und soziale Kompetenz  (WHO 2008)

… koordiniert Information innerhalb des multidisziplinären Krisen-Reaktionsteams (ICN 2009)

… identifiziert und kommuniziert wichtige Informationen zügig an entsprechende übergeordnete Instanzen (z.B. Einsatzleitung) (ICN 2009)

… verwendet Notfall-Kommunikationsvorrichtungen korrekt (Gebbie 2002; ICN 2009)

4. Sicherheit

Kernkompetenz: Jede(r) Gesundheitsprofessionelle wendet personenbezogene Sicherheitsmaßnahmen an, innerhalb einer Katastrophe oder einer Krisensituation, die die Gesundheit und Versorgung der Bevölkerung gefährdet.

Krankenhausfachpersonal (z.B. Ärzte und Pflegepersonal) … (TIIDE 2011)

… erklärt die allgemeinen, gesundheits-, und sicherheitsbezogenen Risiken innerhalb von Katastrophen oder Krisensituationen, die die Gesundheit und Versorgung der Bevölkerung gefährden.

… beschreibt Maßnahmen, die zur Entschärfung oder Vorbeugung einer Gefahrenexposition eingesetzt werden können.

Pflegepersonal…

… kennt die Eigenschutzmaßnahmen und verwendet die persönliche Schutzausrüstung korrekt (Gebbie 2002; INCMCE 2003)

… wendet pflegerische Maßnahmen zur Aufrechterhaltung einer sicheren Umgebung für den Patienten an (WHO 2008).

… stellt den Bedarf für Isolations,- Quarantäne- und Dekontaminationsmaßnahmen fest und ergreift entsprechende Maßnahmen. (ICN 2009)

… erkennt die Symptome übertragbarer Erkrankungen und ergreift korrekte Maßnahmen zum Schutz Überlebender vor Infektionen. (ICN 2009)

… beschreibt die Anzeichen und Symptome einer Exposition durch chemische, biologische, radiologische, nukleare und explosive Substanzen. (ICN 2009)

5. Einsatzbereite Versorgungskapazitäten

Kernkompetenz: Jede(r) Gesundheitsprofessionelle zeigt Kenntnisse über die einsatzbereiten Versorgungskapazitäten (surge capacity), entsprechend der eigenen Rolle innerhalb der Alarmpläne.

Krankenhausfachpersonal (z.B. Ärzte und Pflegepersonal) … (TIIDE 2011)

… identifiziert einsatzbereite Versorgungskapazitäten für die Krisenreaktion.

… beschreibt die potentiellen Auswirkungen der Krisensituation auf die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von klinischen und öffentlichen Ressourcen.

6. Klinisches Management

Kernkompetenz: Jede(r) Gesundheitsprofessionelle zeigt, entsprechend dem eigenen Handlungsspielraum, Kenntnisse über Theorie und Praxis der klinischen Versorgung der Individuen aller betroffenen Alters- und Bevölkerungsgruppen, innerhalb einer Katastrophe oder einer Krisensituation, die die Gesundheit und Versorgung der Bevölkerung gefährdet.

Krankenhausfachpersonal (z.B. Ärzte und Pflegepersonal) … (TIIDE 2011)

… erörtert/diskutiert die typischen körperlichen und psychischen krisensituationsbedingten Gesundheitsfolgen für alle betroffenen Alters- und Bevölkerungsgruppen.

…erklärt die Rolle der Triage als Grundlage für eine prioritätsgeleitete Zuteilung/ Rationierung von Gesundheitsleistungen innerhalb einer Katastrophe oder einer Krisensituation, die die Gesundheit und Versorgung der Bevölkerung gefährdet.

… erörtert/diskutiert die Bedeutung und die Abläufe lebensrettender Basismaßnahmen, die in der Krisensituation möglich sind.

Pflegepersonal…

… führt eine anamnese- und altersentsprechende Untersuchung durch, die krisenbedingte physische und psychologische Reaktionen beinhaltet. (ICN 2009)

… erkennt eine individuelle krisenbedingte Verhaltensreaktion bei überlebenden Patienten und bei deren Angehörigen (ICN 2009)

… ergreift Maßnahmen zur psychologischen Unterstützung von überlebenden Patienten und deren Angehörigen (z.B. psychologische Erste Hilfe,  Aufzeigen von Bewältigungsstrategien usw.). (ICN 2009)

… erkennt mögliche individuelle krisenbedingte Verhaltensreaktionen bei Helfenden (ICN 2009)

… ergreift Maßnahmen zur psychologischen Unterstützung von Helfenden (z.B. psychologische Erste Hilfe,  Aufzeigen von Bewältigungsstrategien usw.). (ICN 2009)

… übergibt überlebende Patienten an andere Fachdisziplinen, entsprechend der individuellen körperlichen und psychischen Versorgungsbedürfnisse. (ICN 2009) 

… berücksichtigt körperliche und psychische Versorgungsbedürfnisse von Helfern und übergibt sie ggf. an andere Fachdisziplinen. (ICN 2009) 

… leistet therapeutische Basismaßnahmen: z.B. Erste Hilfe, Sauerstoffgabe/ Beatmung, Primärversorgung von Wunden und Infusionstherapie (INCMCE 2003).

… zeigt einen sicheren Umgang bei der Verabreichung von Arzneimitteln über die verschiedenen Applikationswege (oral, subkutan, intramuskulär und intravenös), insbesondere bei vasoaktiven und analgesierenden Substanzen. (INCMCE 2003)

… bereitet Patienten für den Weitertransport (z.B. Verlegung) vor, einschließlich Maßnahmen zur Patientensicherheit, wie Schienung, Immobilisierung und Monitoring (INCMCE 2003, ICN 2009)

… führt während und nach der Krisensituation eine angemessene       Dokumentation der Notfallversorgung durch, einschließlich der Dokumentation von Beurteilungen, Interventionen, Pflegemaßnahmen und Versorgungseffekten. (INCMCE 2003)

… zeigt kritisches, kreatives und flexibles Denken, um Lösungen für Pflegeprobleme zu entwickeln, die aus der Krisensituation entstehen. (Gebbie 2002, ICN 2009)

… passt Pflegestandards an die in der Krisensituation verfügbaren Ressourcen und den Versorgungsbedarf der Patienten an. (ICN 2009)

… versteht, wie Pflege in Krisensituationen zu priorisieren ist und vielschichtige/ chaotische Situationen beherrscht werden können. (ICN 2009)

… erkennt die eigenen wissens-, fähigkeits- und rollenbezogenen Grenzen und identifiziert die Anlaufstellen, die dann zuständig sind (Gebbie 2002)

…delegiert an Andere in Übereinstimmung mit der fachlichen Praxis, gültigen Gesetzen und Vorschriften und entsprechend der Krisensituation. (ICN 2009)

7. Public Health

Kernkompetenz: Jede(r) Gesundheitsprofessionelle zeigt Kenntnisse über die Prinzipien und Verfahren der öffentlichen Gesundheitsversorgung für alle betroffenen Alters- und Bevölkerungsgruppen, innerhalb einer Katastrophe oder einer Krisensituation, die die Gesundheit und Versorgung der Bevölkerung gefährdet.

Krankenhausfachpersonal (z.B. Ärzte und Pflegepersonal) … (TIIDE 2011)

… identifiziert die Individuen alle Alters- und Bevölkerungsgruppen mit besonderem Versorgungsbedarf (z.B. Menschen mit geistigen und/oder körperlichen Behinderungen, Kinder, ältere Menschen), die durch die Krisensituationen hinsichtlich ihrer Gesundheit besonders verletzlich sein dürften.

… identifiziert Strategien, die besonders verletzlichen Individuen (z.B. Menschen mit Behinderungen, Kindern) aller Alters- und Bevölkerungsgruppen Zugang zur Gesundheitsversorgung ermöglichen, um krisensituationsbedingte Gesundheitsschäden zu lindern.

Pflegepersonal …

… wendet Pflegemaßnahmen an, die die Bedürfnisse von Individuen besonders verletzlicher Bevölkerungsgruppen im Krisenfall berücksichtigen. (ICN 2009)

… identifiziert verfügbare Ressourcen, macht angemessene Überweisungen und kooperiert nach individuellem Bedarf mit Hilfsorganisationen zur Versorgung besonders verletzlicher Populationen. (ICN 2009)

… arbeitet mit geeigneten Personen und Einrichtungen zusammen, um Überlebende mit Familienmitgliedern und Nahestehenden wieder zusammenzubringen. (ICN 2009)

8. Ethik

Kernkompetenz: Jede(r) Gesundheitsprofessionelle zeigt Kenntnisse über die ethischen Grundsätze zum Schutz der Gesundheit und Sicherheit aller betroffenen Alters- und Bevölkerungsgruppen, im Rahmen einer Katastrophe oder einer Krisensituation, die die Gesundheit und Versorgung der Bevölkerung gefährdet.

Krankenhausfachpersonal (z.B. Ärzte und Pflegepersonal) … (TIIDE 2011)

… beschreibt ethische Fragen und Herausforderungen, die mit krisenbezogenen Versorgungsstandards in Verbindung stehen.

… beschreibt ethische Fragen und Herausforderungen, die mit der Zuteilung knapper/begrenzter Ressourcen innerhalb einer Katastrophe oder einer Krisensituation, die die Gesundheit und Versorgung der Bevölkerung gefährdet, im Zusammenhang stehen.

Pflegepersonal…

… berücksichtigt im Rahmen der Versorgung den kulturellen, sozialen und religiösen Hintergrund sowie die Vielfalt der zu versorgenden Individuen. (ICN 2009)

… organisiert die Versorgung der Verstorbenen unter Berücksichtigung kultureller, sozialer und religiöser Hintergründe der Betroffenen, wie die Situation es zulässt. (ICN 2009)

… bewahrt Vertraulichkeit im Rahmen von Kommunikation und Dokumentation. (ICN 2009)

… schützt Rechte, Werte und Würde von Individuen und Gemeinschaften. (ICN 2009)

9. Recht

Kernkompetenz: Jede(r) Gesundheitsprofessionelle zeigt Kenntnisse über Rechtsgrundsätze zum Schutz der Gesundheit und Sicherheit aller betroffenen Alters- und Bevölkerungsgruppen, im Rahmen einer Katastrophe oder einer Krisensituation, die die Gesundheit und Versorgung der Bevölkerung gefährdet.

Krankenhausfachpersonal (z.B. Ärzte und Pflegepersonal)… (TIIDE 2011)

… beschreibt rechtliche und regulierungsbezogene Fragen, die wahrscheinlich in Krisensituationen aufkommen.

… beschreibt rechtliche Fragestellungen und Herausforderungen im Zusammenhang mit krisenbezogenen Versorgungsstandards.

… beschreibt rechtliche Fragestellungen und Herausforderungen die mit der Zuteilung knapper/begrenzter Ressourcen innerhalb einer Katastrophe oder einer Krisensituation, die die Gesundheit und Versorgung der Bevölkerung gefährdet, im Zusammenhang stehen.

… beschreibt Gesetze/ Rechtsvorschriften mit Bezug zur Gesundheitsversorgung, die im Rahmen einer offiziell erklärten Krisensituation in Kraft treten oder im Rahmen der Krisensituation geändert werden.

Pflegepersonal…

…versteht Auswirkungen Katastrophen-spezifischer Gesetze und Regelungen auf die Pflegetätigkeit und auf Überlebende. (ICN 2009)

Referenzen (Pflegespezifische Kompetenzen):

Gebbie KM, Quereshi K: Emergency and disaster preparedness. AJN 2002; 102: 46-51.

World Health Organization, International Council of Nurses: ICN Framework of Disaster Nursing Competencies. 2009.

International Nursing Coalition for Mass Casualty Education: Educational competencies for Registered Nurses responding to mass casualty incidents. 2003.  http://www.temple.edu/cprep/projects/competency_mapping_files/Whatarecompetencies/CompetencySourceMat/4.EdCompRNRespMCI.pdf  (Accessed August 2011)

World Health Organization, Health Actions in Crises: Integrating Emergency Preparedness and Response into Undergraduate Nursing Curriculum. Geneva: WHO, 2008.



[1] „Eine Katastrophe ist ein Geschehen, bei dem Leben oder Gesundheit einer Vielzahl von Menschen oder die natürlichen Lebensgrundlagen oder bedeutende Sachwerte in so ungewöhnlichem Ausmaß gefährdet oder geschädigt werden, dass die Gefahr nur abgewehrt oder die Störung nur unterbunden und beseitigt werden kann, wenn die im Katastrophenschutz mitwirkenden Behörden, Organisationen und Einrichtungen unter einheitlicher Führung und Leitung durch die Katastrophenschutzbehörde zur Gefahrenabwehr tätig werden.“ – Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: http://www.bbk.bund.de (letzter Zugriff am: 17.11.2011)